Schreibblockade? Nope!

von Daniel Fitzke

Der (virtuelle) Papierkorb quillt über und der Kopf fühlt sich leer an? Ist das mal wieder so eine verdammte Schreibblockade? Nein, keine Sorge. Die gibt es nämlich gar nicht. Was Schreibende häufig als Schreibblockade empfinden, ist eine Inkubationsphase. Sie ist ein notweniger Schritt im kreativen Prozess, in der das Unterbewusstsein übernimmt. Alles in Ordnung. Es wird rechtzeitig und zuverlässig liefern.

1926 hat Graham Wallas in seinem Buch „The Art of Thought“ ein Modell des kreativen Prozesses vorgestellt, das auch heute noch hoch aktuell ist. Er unterteilt den kreativen Prozess in vier Phasen. Wer diesen Prozess kennt, kann ihn bewusst planen und gestalten.

Phase 1: Expedition

Ein Fachartikel ist zu schreiben. Das Unternehmensporträt soll überarbeitet werden. Eine Pressekonferenz steht ins Haus. Oder geht es um eine kreatives Kommunikationskonzept?

Oft starten Schreibende frisch und motiviert in ein neues Projekt. Es wird erst einmal recherchiert. Vorgespräche sind zu führen. Wunsch und Wille von Geschäftsführung, Fachbereich oder Auftraggeber wollen erkundet werden. Und dann ist da die alles entscheidende Frage: Was ist das öffentliche Interesse? Wie lautet die Botschaft für Presse und Leser aus deren Sicht?

Diese Fragen und Tätigkeiten sind bezeichnend für die erste Phase, die Expedition. Am Ende dieser Phase steht oft schon eine Gliederung. Einen Arbeitstitel gibt es auch. Der Fahrplan ist vielleicht schon klar. Der Job scheint schon so gut wie erledigt. Nur noch ein bisschen Fleißarbeit…

Phase 2: Inkubation

folgt, ist die Zeit der Inkubation: Das Unterbewusstsein übernimmt. Dort werden die gesammelten Informationen verarbeitet und dürfen eine Weile gären. So wie ein Teig, der ja noch lange nicht fertig ist, nachdem alle Zutaten verrührt sind.

Diese Phase empfinden viele als die vermeintliche Schreibblockade. Sie ist gekennzeichnet durch Prokrastination (meist verbunden mit einem schlechten Gewissen), lustlose Entwürfe, sinnloses Starren auf leere (Bildschirm-)Seiten und einen übervollen Papierkorb. Immerhin: wenigstens der sieht nach Arbeit aus…

Tatsächlich läuft die Arbeit die ganze Zeit auf Hochtouren. Unterbewusst. Und wie üblich wird auch diesmal wieder alles gut. Kurz vor der Deadline. Just in time. Keine Sorge, das geht den meisten Kreativen so. Merke: Auch Prokrastination ist Arbeit!

Phase 3: Illumination

Meist völlig unerwartet kommt der zündende Funke: Die Idee, die alles in den richtigen Zusammenhang rückt. Die Klammer, die alles miteinander verbindet. Das Bild, aus dem sich mühelos eine zauberhafte Story ergibt.

Willkommen in der Illumination. Jetzt ist es fast geschafft. Gerade rechtzeitig zur Deadline. Die Produktivität steigt enorm. Muss sie auch, denn die Zeit ist verdammt knapp. Wieder einmal.

Phase 4: Evaluation

Zum guten Schluss folgt die Feinarbeit. Sichten, sortieren, evaluieren – die Evaluation. Jetzt braucht es einen klaren Kopf und möglichst wenig Ablenkung. Bald ist es geschafft. Wieder einmal auf die letzte Minute. Mit etwas Disziplin wird am Ende alles gut. Wieder einmal.

Die meisten Schreibenden kennen das. Und sie denken, sie seien damit allein. Aber Kreativität funktioniert eben genau so. Wir alle dürfen daher ruhig beim Prokrastinieren ein bisschen mehr Selbstbewusstsein an den Tag legen.

Ganz entscheidend ist es, den kreativen Prozess bei größeren Projekten zu planen. Dazu gehört beispielsweise:

  • Umfassende Informationsgewinnung und Planung des gesamten Prozesses in der Expeditionsphase. Kleine Schlampigkeiten werden sich später rächen, Sorgfalt wird belohnt.
  • Langweilige Routinetätigkeiten ohne direkten Projektbezug lassen sich am besten in der Inkubation erledigen. Jetzt passiert sowieso nicht viel und später wird alle Zeit und Energie für die Projektarbeit benötigt.
  • Künstliche Deadlines wie z. B. eine interne Präsentation können als Beschleuniger für die Illumination wirken. Wenn dann nach hinten raus noch etwas Luft ist, lebt es sich entspannter.
  • Zeitmanagement: Termine gehören in Phase eins und zwei. Später ist jede Minute kostbar und der Terminkalender möglichst frei.
  • In der Evaluation wird nach Möglichkeit das Telefon umgestellt und die Schreibenden haben Rückzugsmöglichkeiten ohne Publikumsverkehr. Jetzt braucht es volle Konzentration!

Am Ende wird alles gut. Ganz bestimmt. Schreibende dürfen darauf vertrauen. Wenn sie sich den Papierkorb zum Freund machen, die Deadline lieben lernen und lustvoll prokrastinieren, werden sie spielerisch ans Ziel kommen. Ein bisschen Heulen und Zähneklappern gehört immer dazu. Aber damit sind sie nicht allein.

Über den Autor:

Daniel Fitzke ist Kommunikationsmanager und Betriebswirt mit langjähriger Erfahrung als Kommunikationsberater und PR-Redakteur. Im Kundenauftrag hat er hunderte von Fachartikeln, Success Stories, Interviews, Reden und natürlich auch Pressemitteilungen verfasst. Experte für Schreibblockaden ist er durch rund 30 Jahre Erfahrung mit kleineren und größeren Schaffenskrisen.

2018 ist sein Buch „30 Minuten Schreibblockaden lösen“ im GABAL Verlag erschienen. Es ist überall erhältlich, wo es Bücher gibt und natürlich bei amazon & Co.

Weitere Infos unter https://schreibblockaden.com/

 

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