Brave New Work – von den Nachteilen des Homeoffice

Ungewollt wurde 2020 zu einer Art exzessivem Feldversuch für sämtliche Formen des flexiblen Arbeitens. Und das neue Jahr startet nun sogar mit einer Verordnung zur Ermöglichung des Homeoffice, die sich vor ein paar Jahren noch niemand in Deutschland hätte träumen lassen. Allen, die aus familiären oder privaten Gründen immer auf eine derartige Möglichkeit gewartet haben, scheint diese Entwicklung oft als einziger Lichtblick in der Krise. Endlich Homeoffice und flexiblere Arbeitszeiten, endlich die Betreuung der Kinder leisten können und trotzdem arbeiten! Auch wir begrüßen den Känguru-Sprung, den die Arbeitswelt im vergangenen Jahr gemacht hat. Aber als heimliche Trendforscher können wir nicht umhin, auch ein paar Wermutstropfen in euren Homeoffice-Kaffee zu träufeln.

Schöne neue Arbeitswelt?

Wäre die Krise nicht, wären wir jetzt alle glückliche Homeoffice-Mitarbeiter mit perfekter Work-Life-Balance, oder? Eben das wagen wir zu bezweifeln. Denn auch eigenverantwortliches Arbeiten benötigt einen Lernprozess. Wer sich im Studium plötzlich völlig selbstständig organisieren musste, nachdem ihm in der Schule alle ToDos fein säuberlich geordnet auf dem Silbertablett serviert wurden, kennt diesen Effekt. Genauso chaotisch kann auch das Arbeiten im Homeoffice sein, wenn man sich und seine Arbeit nicht organisiert. Ohne Anleitung und geeignete Planner- und Aufgabentools fällt vielen von uns schwer, was wir bisher nicht leisten mussten: die Eigenverantwortlichkeit für die Erfüllung unserer Arbeitsaufträge. Mit ein bisschen Unterstützung und Erfahrung ist das kein Hexenwerk und wir sind optimistisch, dass es mit der Zeit gelingt, sich daran anzupassen. Als Organizer-Tipp können wir übrigens die App „ToDoist“ und MS Teams mit seinem Planungstool „Tasks“ empfehlen.

Segen oder Fluch?

Zur Generation Z (1997 -2012 Geborene) gehören wir leider nicht, wir fallen eher in die X- und Y-Kategorie. Deshalb ist es uns auch Studien zufolge nicht so wichtig, Arbeit und Freizeit voneinander zu trennen. Das sogenannte „Work-Life-Blending“ hat ja auch viele Vorteile. Die Freiheit, selbst zu entscheiden, wie ich meinen Tag strukturiere und eine daraus folgende, bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie gehören dazu. Die Verschmelzung von Beruf und Alltag können auf diesem Weg zu einer höheren Motivation und Zufriedenheit der Arbeitnehmer führen. Was als Segen erscheint, kann aber auch ein Fluch sein. Der uns nachfolgenden Generation Z ist das bereits bewusst. Mit der Flexibilität im Arbeitsalltag geht nämlich leider oft der Mangel an Struktur und Freizeit einher. Ständige Erreichbarkeit, die bei Homeoffice und flexiblen Arbeitszeiten oft erwartet wird, kann psychisch sehr belastend sein und eine Menge Stress auslösen. Die Jüngeren haben hier erkannt, was wir oft gesundheitlich zu spüren bekommen: Wir brauchen Auszeiten. Der Entwicklung hin zum Homeoffice bekommt damit einen klaren Gegentrend – die Work-Life-Separation. Das Homeoffice wird auch nach der Krise bleiben, so viel ist klar. Neu wird aber die Rückforderung der Mitarbeiter nach festen Arbeitszeiten sein und wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, ist das wohl auch gut so.

Zauberwort Digital Detox

Was für uns als Kinder selbstverständlich war, wird also wieder Trend werden: Zeiten ohne Handy, Laptop und Co. Soziologen kennen das: Was sich explosiv entwickelt, wird später oft von einer Gegenentwicklung begleitet. „Digital Detox“, also der temporäre Verzicht auf alle Medien, ist heute schon sehr beliebt und wird unserer Überzeugung zufolge in Zukunft wieder verstärkt praktiziert. Die Umwelt mal mit den eigenen Augen und nicht durch die Linse der Handykamera wahrzunehmen und Menschen zu treffen, statt deren Posts zu liken, wird in Zukunft gerade wegen der Krise ein neues Hoch erfahren. Was im Moment unsere einzige Möglichkeit der Verbindung mit der Außenwelt ist, werden wir danach sicher gerne mal beiseitelegen, um wieder in persönlichen Kontakt mit den Kollegen zu treten oder die Wirkung des neuen Oberteils mal live vor Ort im Laden zu testen. Denn so segensreich digitale Medien gerade in der heutigen Zeit sind: reale Kontakte sind doch um einiges netter, oder?

Der Artikel ist unser Beitrag zur Blogparade „Erwartungen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern 2021“ von Nicolas Scheidtweiler. #HRin2021

Stoßlüften im Kopf: Kreativitätstechniken

Ein Gastbeitrag von Daniel Fitzke

Die Kollegin ruft im Homeoffice an. Wir haben uns seit einem halben Jahr nicht gesehen. Um Infektionsbrücken einzudämmen ist sie an einem anderen Standort untergebracht und wir haben derzeit keinen direkten Kontakt – auch nicht an unseren Bürotagen. Eine Kampagne will nicht vorankommen und es ist höchste Zeit. Es fehlt noch die zündende Idee…

Normalerweise würden wir jetzt zu dritt oder zu viert im Büro ein bisschen rumhirnen. Aber im Moment ist alles anders. Die Kampagne soll aber trotzdem – oder gerade deshalb – frisch und knackig daherkommen. Gute Bilder gibt es schon von der Werbeagentur. Jetzt braucht es einen passenden, prägnanten Titel.

Brainwriting: Kreatives Kritzeln gegen die Zeit

Also erinnern wir uns daran, dass wir Profis sind und setzen professionelle Methoden zur Ideengewinnung ein. In diesem Fall fällt die Wahl auf Brainwriting. Ich hole den Design-Thinking-Timer raus (die normale Stoppuhr-App auf dem Handy tut es natürlich auch) und wir fangen an, gegen die Zeit zu kritzeln. Drei Runden zu je einer Minute. Beide schreiben wahllos Kampagnentitel auf, wie sie uns gerade in den Sinn kommen. Kein Nachdenken. Keine Bewertung. Das kommt hinterher.

Nach den drei Runden haben wir beide eine lange Liste von Titeln. Die meisten sind unbrauchbar, einige klingen interessant, manche auf den ersten Blick viel versprechend. Jetzt geht es ans Aussortieren. Wir beide streichen auf unseren Listen alle Titel bis auf drei weg. Die drei eben, die uns von unserer eigenen Sammlung am besten gefallen. Die stellen wir uns gegenseitig vor, und wir wählen von der Auswahl unseres telefonischen Gegenübers jeweils einen Favoriten. Es bleiben also zwei Titel, die wir unserem Team vorstellen. Einen von der Liste der Kollegin, einen von meiner. Zwei wirklich brauchbare Kandidaten, die gut zur Kampagne passen und für Aufmerksamkeit sorgen dürften.

Das Team wählt am Ende den einen Kampagnentitel aus. Innerhalb weniger Stunden ist alles auf den Weg gebracht. So eine Deadline diszipliniert manchmal ungemein…

Brainstorming: Frischer Wind statt Laberrunde

Das Brainwriting ist eine spezielle, strukturierte Form des Brainstormings. Ein Brainstorming soll, wie der Name schon sagt, für frischen Wind im Kopf sorgen oder einen Sturm von Ideen entfachen. Ein Brainstorming ist keine Laberrunde, sondern ein Prozess, in dem Ideen ungefiltert und unvoreingenommen generiert und formuliert werden. Niemand hat das Sagen, es gibt keine Sitzungsleitung. Im Idealfall sorgt allerdings eine Moderation dafür, dass der Prozess ungestört und zielgerichtet abläuft – am besten gegen die Zeit. Dann kommen die Leute nicht unnötig ins Nachdenken oder Grübeln. Erst später werden die Ideen bewertet. Oft wirkt ein Brainstorming noch über Tage nach. In dieser Zeit ist es gut, wenn der Moderator oder die Moderatorin noch als Ansprechpartner/in zur Verfügung steht. In einer zweiten Runde können die Ideen dann gefiltert und sortiert werden.

Es gibt zahlreiche Varianten des Brainstormings. Entscheidend ist, dass die Ideen ungefiltert sprudeln können und die Teilnehmenden keine Selbstzensur betreiben. Dafür braucht es eine geeignete Arbeitsatmosphäre und die richtigen Rahmenbedingungen. Und vor allem gilt: Es gibt keine Denkverbote.

Methode 6-3-5: Nicht schmutzig, sondern strukturiert

Eine weitere strukturierte Technik zur Ideengewinnung ist die Methode 6-3-5. Hier schreiben sechs Teilnehmende jeweils drei Ideen auf ein Blatt und reichen die Blätter fünf Mal weiter. So werden die Ideen aller Teilnehmenden von den anderen aufgegriffen und weitergeführt. Rein rechnerisch entstehen dadurch 108 ungefilterte Ideen. Erst dann geht es an die Bewertung und ans Aussortieren.

Kinderspiele: Kreativ wie Kinder

Als Kinder waren wir praktisch ab Werk kreativ. Es hat uns nur niemand gesagt. Wir nannten es Spielen! Viele der alten Kinderspiele eignen sich hervorragend, um Kreativität zu beflügeln und Ideen zu generieren. Wenn wir sie unverkrampft und ergebnisoffen anwenden, können sie uns durch freies Assoziieren auf neue, unerwartete Gedanken bringen.

Zu Beginn eines Workshops mit gemischten Teams wirken Übungen wie „Wörterketten“ oder „Gegensatzpaare bilden“ Wunder. Sie zerstreuen Erwartungen, brechen bestehende Muster auf und ebnen den Weg in das freie Assoziieren. Ein Spieler sagt bei „Wörterketten“ ein Wort, der oder die nächste nennt ein anderes, das er oder sie mit dem vorherigen assoziiert. So werden Sinnzusammenhänge gebildet wie Wald – Baum – Blatt – Blüte. Gegensatzpaare werden zu zweit gebildet. Eine Person sagt ein Wort, die andere das Gegenteil. Danach wird gewechselt.

Andere Spiele eignen sich, um konkrete Ideen zu generieren. Wer es zum Beispiel auf Wortakrobatik mit doppeldeutigen Begriffen anlegt, kann „Teekesselchen“ spielen. „Der lange Satz“ kann zur Themenfindung dienen. Ein Satzanfang wie „Unser Unternehmen hat 2020 …“ kann in verschiedenen Varianten immer wieder beliebig fortgesetzt werden. Auch der Klassiker „Stadt-Land-Fluss“ lässt sich beliebig abwandeln, um sich einem Thema oder einem Themenfeld anzunähern und eine weite Spielwiese für neue Ideen zu bereiten.

Einfach mal ausprobieren

Klingt komisch? Probieren Sie es doch einfach mal aus und spielen Sie ein bisschen verrückt. Durch solche Techniken werden ganz andere Areale im Gehirn angesprochen als die, in denen unser Alltags- und Routinedenken angesiedelt ist. Ganz nebenbei macht es auch noch Spaß und man lernt die Kolleginnen und Kollegen von einer ganz neuen Seite kennen.

Das nächste Mal, wenn die zündende Idee nicht kommen will: Nicht lange rumgrübeln, einfach mal ein bisschen spinnen. Viel Spaß dabei!

Über den Autor:

Daniel Fitzke ist Kommunikationsmanager und Betriebswirt mit langjähriger Erfahrung als Kommunikationsberater, Pressesprecher, Fachjournalist und PR-Redakteur.

Als Berater, Trainer und Coach begleitet er Menschen und Unternehmen bei der Entwicklung eines prägnanten Profils und bei der Vermittlung klarer Botschaften – von der Positionierung und Strategieentwicklung bis zur operativen Umsetzung. Dabei reicht sein Erfahrungsschatz von der Arbeit für Großkonzerne über mittelständische Unternehmen aus Dienstleistung, Industrie und Handwerk bis hin zur Begleitung von Freiberuflern und Solo-Unternehmern.

In Seminaren, Workshops und unterhaltsamen Vorträgen gibt er sein umfangreiches Wissen über die strategische und operative PR-Arbeit weiter. 2018 ist mit 30 Minuten Schreibblockaden lösen sein erstes Buch im GABAL Verlag erschienen. 2020 folgte das Praxishandbuch PR für Freiberufler, zu dem conpublica-Gründer Frank Bärmann einen lesenswerten Gastbeitrag beigesteuert hat.

Weitere Infos: https://www.gutekommunikation.net/